„Viele Grüße von der Staatsanwaltschaft Berlin“ – die Masche mit dem Aktenzeichen und der doppelten Telefonnummer

Veröffentlicht von

Wie eine Betrugsmasche sogar eine scammer-erprobte Familie ins Grübeln brachte – und woran sie sich am Ende doch entlarvt.

In manchen Haushalten sind Werbe- und Betrugsanrufe alltäglich. Bei uns sind sie fast schon ein Familiensport. Die Kinder reißen sich geradezu ums Telefon, wenn wieder ein „Microsoft-Support“ oder eine „Gewinnbenachrichtigung“ anruft – einmal so richtig mit einem Scammer plaudern zu dürfen, das ist ein kleines Highlight – leider handelt PhoneBlock fast alle diese Anrufe mittlerweile selbstständig ab. Wenn aber doch mal wieder einer durchkommt, dann ist die eigentliche Zielperson, die die Anrufer immer sprechen wollen, die Frau des Hauses.

Umso bemerkenswerter ist, was diese Masche geschafft hat: Sie hat tatsächlich für einen Moment funktioniert. Der Reihe nach.

Der Anruf

Das Telefon klingelt, im Display 030330755602. Eine Frau meldet sich, freundlich, aber bestimmt: „Guten Tag, hier spricht die Staatsanwaltschaft Berlin.“ Es liege eine Anzeige vor – wegen nicht bezahlter Gewinnspielrechnungen in Höhe von 14.860,– €. Sie nennt ein Aktenzeichen. Das klingt konkret, das klingt echt, das klingt nach Behörde.

Und dann der entscheidende Satz, der den Puls hochtreiben soll: „Bevor Ihr Konto gesperrt wird, sollten Sie sich beim Amtsgericht Berlin erkundigen“. Dazu gibt es gleich die passende Nummer: 030544538510. Dort, so die Dame, könne man „Näheres in Erfahrung bringen“.

Und tatsächlich: Diesmal war die Zielperson überzeugt, ein echtes Problem zu haben. Keine Spur von „das ist doch der übliche Quatsch“. Und auch der Rest der Familie war sich nicht sofort sicher – denn hier lag genau nicht das übliche Alarmsignal vor. Niemand hatte am Telefon Geld verlangt. Keine Kontonummer, keine Überweisung, keine sofortige Zahlung. Aber natürlich das Wissen, dass Verbrecher ständig Geld für angebliche Gewinnspielabos eintreiben wollen. Sollte es wirklich jemand darauf angelegt haben und diese Forderungen gerichtlich durchzusetzen – vielleicht einfach nur, um einen zu einem „Vergleich“ zu nötigen?

Der zweite Akt: die Warteschleife

Und genau hier wird die Masche interessant. Man ruft die zweite Nummer an – schließlich will man ja nicht, dass „das Konto gesperrt wird“ – und landet in einer Warteschleife. Allerding meldet sich der Anrufbeantworter nicht mit „Amtsgericht Berlin“ sondern mit einer unverbindlichen Ansage, dass alle Mitarbeiter beschäftigt sind und man sein Anliegen nennen soll. Jetzt ist eigentlich schon klar – das ist Quatsch – aber was soll das, wie geht’s weiter? Wir legen auf.

Kurz darauf klingelt das Telefon: Rückruf von genau dieser Nummer. Und die Person am anderen Ende ist ausgesprochen unhöflich. „Was wollen Sie?“, „Sie haben angerufen.“, „Haben Sie ein Aktenzeichen?“ Barsch, ungeduldig, überheblich.

Spätestens jetzt muss der Groschen fallen. Ein Anrufbeantworter bei einer Behörde – klar – aber ohne zu sagen, wo man gelandet ist – nein. Und kaum hat man aufgelegt ruft einen diese dienstbeflissen Behörde auch noch zurück – ohne dass man sein Anliegen auf den AB gesprochen hat – nein – noch nicht mal im so liebenswert bunten Berlin. Und wie zur Bestätigung dann auch noch die typische pampige SPAMer Tante am anderen Ende. Diese Kombination ist der Fingerabdruck des Telefonbetrugs. Aufatmen – man braucht doch keinen Anwalt.

Warum das (fast) funktioniert

Klassische Betrugsanrufe erkennt man oft daran, dass jemand zu schnell Geld will, zu offensichtlich eine Forderung stellt. Genau dieses Muster fehlt hier – und das ist Absicht:

  • Keine Forderung am Anfang. Es geht zunächst gar nicht ums Zahlen, sondern nur ums „Erkundigen“. Das nimmt dem Anruf den typischen Betrugsgeruch und baut Vertrauen auf, bevor überhaupt jemand skeptisch werden kann.
  • Zwei getrennte Nummern. Eine „Staatsanwaltschaft“, ein „Amtsgericht”. Zwei Instanzen, die sich gegenseitig bestätigen – das wirkt wie ein echter Behördenapparat, nicht wie ein einzelner Anrufer.
  • Die Warteschleife. Nichts sagt „echte Behörde“ so sehr wie eine langweilige Warteschleife. Betrüger, denkt man, wollen doch schnell an ihr Geld – die würden mich nicht warten lassen. Nur die Ansage – die ist „leider“ schlecht gemacht.
  • Der Rückruf. Man hat selbst angerufen, sie rufen zurück. Jetzt wird’s fragwürdig – ja, wenn man eine Nachricht hinterlassen hätte – vielleicht. Aber nie im Leben fünf Sekunden nachdem man aufgelegt hat – da waren sie zu ungeduldig, um die Spannung aufrecht zu erhalten.
  • Die Unhöflichkeit. Das soll wohl die Panik des Opfers weiter verstärken. Aber allerspätestens jetzt kann man beruhigt auflegen – der Beamte im Amtsgericht hat ganz sicher kein Interesse ein Aktenzeichen aus einem „herauszuprüglen“. Der wird auch bezahlt, wenn man einfach abwartet, bis die Vorladung im Briefkasten landet.

Kurz: Alles, was hier seriös oder unbequem wirkt, ist in Wahrheit das Drehbuch. Und das macht diese Variante so perfide – selbst für Leute, die Scammer sonst mit einem Lächeln abfrühstücken.

The End

An dieser Stelle wurde das Spiel leider nicht weitergespielt. Ich habe der Tante ein ausgedachtes Aktenzeichen genannt – aber immerhin so professionell waren sie dann, dass sie das nicht akzeptiert haben. Dann hatte ich keine Lust mehr – eigentlich schade – hätte doch noch gerne gewusst, wie die Gewinnspielgesellschaft hätte an ihr Geld kommen sollen…

Die Fakten, die jede dieser Nummern entlarven

Vier Sätze, die man der ganzen Familie mitgeben sollte – dann kann keine „Staatsanwaltschaft“ mehr etwas anhaben:

  1. Staatsanwaltschaften und Gerichte rufen nicht an. Behörden nehmen in ernsten Angelegenheiten schriftlich Kontakt auf – per Post, nicht per Warteschleife.
  2. Keine Behörde fordert am Telefon Geld, Kontodaten oder „schnelle Klärung“. Wer das tut, ist ein Betrüger. Ausnahmslos. (Und Vorsicht: Es muss nicht gleich eine Zahlung sein – oft wird erst Vertrauen aufgebaut.)
  3. Die Staatsanwaltschaft pfändet nichts und sperrt keine Konten „mal eben“. Pfändungen macht ein Gerichtsvollzieher – nach einem gerichtlichen Titel, mit ordentlicher Zustellung, nicht per Schockanruf.
  4. Ein Rückruf oder eine angezeigte Behördennummer beweisen gar nichts. Rufnummern lassen sich fälschen (Call-ID-Spoofing), und dass man zurückgerufen wird, sagt nur, dass die Betrüger die Nummer gespeichert haben.

Was tun, wenn es einen erwischt?

  • Auflegen. Sofort, ohne schlechtes Gewissen. Man ist niemandem eine Erklärung schuldig.
  • Nicht auf der genannten Nummer zurückrufen. Will man wirklich wissen, ob etwas dran ist, sucht man die Nummer der echten Behörde selbst heraus (offizielle Website, Telefonbuch) und ruft dort an.
  • Keine Daten preisgeben. Kein Name, kein Geburtsdatum, keine Bank, kein „Ja“.
  • In der Familie darüber reden. Gerade ältere Angehörige und Kinder sollten die Masche kennen, bevor das Telefon klingelt.
  • Die Nummer bei PhoneBlock melden. Damit schützt man alle anderen gleich mit – ab jetzt sofort.

Was man getrost bleiben lassen kann

  • Anzeige erstatten. Produziert einen Berg Papier und verläuft im Sande. Täter ist nicht ermittelbar, sitzt im Ausland oder andere fadenscheinige Ausreden. Aber wehe Du fährst 5 km/h zu schnell – dann arbeitet der Aparat.
  • Nummer bei Bundesnetzagentur melden. Wenn die wirklich was tun wollten, könnten sie die PhoneBlock-Blockliste abonieren und von oben nach unten abarbeiten. Und selbst wenn die Nummer dann in 6 Monaten gesperrt würde, hilft das keinem mehr.

Und die konkreten Nummern?

Genau dafür gibt es PhoneBlock. Beide Nummern aus diesem Fall kann man direkt nachschlagen – und jetzt – mit einer Fritz!Box, dem PhoneBlock-Dongle, oder der Handy-App – blockieren lassen:

Jede Meldung macht die Gemeinschafts-Blockliste ein Stück besser. Wenn genug Menschen eine Betrugsnummer als solche markieren, klingelt sie bei den anderen erst gar nicht mehr durch. Das ist die schönste Antwort auf einen Anruf „von der Staatsanwaltschaft“: kollektives Wegdrücken.


Bleibt misstrauisch, bleibt freundlich zu euch selbst – und wenn euch jemand am Telefon unter Druck setzt, ist genau das schon der Beweis, dass etwas nicht stimmt.

Quellen & weiterführende Infos:Verbraucherzentrale: Unerwarteter Anruf von der „Verbraucherzentrale“? Vorsicht, Falle!Verbraucherschutz.com: Warnung – Anruf vom Büro des Staatsanwalts ist ein FakeVerbraucherschutz.com: Anruf von Rechtsanwälten wegen Schulden aus Gewinnspielenpolizei-beratung.de: Falsche Gewinnversprechen

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert